Redakteure von derStandard.at fordern Gleichbehandlung: Brief an Oscar Bronner

24. Oktober 2012 at 3:57 pm 1 Kommentar


UPDATE: Solidaritätsbekundungen von kleine.at, kurier.at, den Freien Mitarbeitern im ORF, der „Wiener Zeitung“, DiePresse.com und der Journalistengewerkschaft

Die Online-Journalisten der Tageszeitung „Der Standard“ protestieren in einem Brief an „Standard“-Herausgeber Oscar Bronner gegen arbeitsrechtliche Missstände und Ungleichbehandlung innerhalb des Verlagshauses. Die standard.at-Redakteure fordern „bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlohnung“. Die Mediengruppe Online veröffentlicht hier den Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Bronner,

DER STANDARD und derStandard.at stehen im österreichischen Medienwettbewerb für Qualitätsjournalismus und transportieren dieses Image auch nach außen. Allein: Diesen Qualitätsanspruch vermissen wir im Umgang mit Ihren MitarbeiterInnen. Hier gibt es immer noch ein Zweiklassensystem.
Auf der einen Seite stehen die KollegInnen der Print-Redaktion, die dem Journalisten-Kollektivvertrag unterliegen. Wir Journalistinnen und Journalisten der Online-Redaktion hingegen werden als „RedakteurInnen“ im IT-Kollektivvertrag oder gar als „InternetbetreuerInnen“ geführt. Als solche sind wir in jeder Hinsicht schlechter gestellt: finanziell, rechtlich und sozial. Es schadet der Moral, dass unsere Arbeit gering geschätzt wird.

Wir sind keine InternetbetreuerInnen. Wir sind JournalistInnen. Wir verlangen, als solche wertgeschätzt, bezeichnet, angestellt und vergütet zu werden. Unsere Vertragsverhältnisse entsprechen nicht unserer Arbeit.
derStandard.at hatte für viele Medienunternehmen eine Vorbildfunktion: Als erstes deutschsprachiges Medium gab es uns im Internet. Der Erfolg gibt uns recht. Dieser Vorreiterrolle heißt es nun auch in arbeitsrechtlichen Belangen gerecht zu werden.
Wir arbeiten jeden Tag einen Schritt an der Medienzukunft und der Zukunft unseres Unternehmens. Dabei sind Flexibilität, Kreativität und Einsatz gefragt. Wir sind zugleich LayouterInnen, FotografInnen, RedakteurInnen und GrafikerInnen. Wir berichten live, interaktiv, fundiert. Unsere Arbeit wird von unseren UserInnen und KollegInnen aus der Branche geschätzt. Wir gewinnen Preise und zeigen jeden Tag, dass qualitätsvoller Online-Journalismus möglich ist. Weder sind wir eine Redaktion niedrigerer Ordnung, noch ist es das Produkt unserer Arbeit.

Unsere Fähigkeiten werden aber nicht entsprechend entlohnt. Bei Anstellung verdient man für eine Vollzeitstelle bei derStandard.at 2200 Euro brutto. In den meisten Fällen werden dabei Vordienstzeiten als freier Dienstnehmer oder als Angestellter nicht berücksichtigt. Für Sonntagsarbeit gibt es keinen Zuschlag, Randdienste werden nur zwischen 23 Uhr und 7 Uhr gesondert vergütet. Das Gehalt wird nicht regelmäßig inflationsangepasst.

Selbst innerhalb der Redaktion gibt es noch ein Gefälle zwischen gleichwertigen KollegInnen. Besonders Teilzeitkräfte werden in die Scheinselbstständigkeit gedrängt und arbeiten als freie Dienstnehmer zu noch schlechteren Konditionen. In der Praxis agieren sie dennoch wie Angestellte, werden auch in die Dienstpläne eingetragen und müssen zu fixen Zeiten arbeiten. Sie bekommen vor Abzug von Steuern und Sozialversicherung ab 11,30 Euro in der Stunde. Freie Dienstnehmer sind es meist nicht freiwillig. Wer wann und unter welchen Bedingungen angestellt wird, folgt keinem nachvollziehbaren Modell. Neue Mitarbeiter werden zum Teil angestellt, langjährige RedakteurInnen warten nach wie vor darauf. Willkür ist hier Tür und Tor geöffnet. Wir wollen transparente Regeln für Anstellungen. Außerdem sollte – wie in anderen Unternehmensteilen – die Anstellung von Teilzeitkräften in der Redaktion genauso erfolgen, wenn eine Anstellung der Realität des Dienstverhältnisses entspricht.

Wir werden in alledem seit zu vielen Jahren auf einen neuen Journalisten-Kollektivvertrag vertröstet, der alles besser machen soll. Deshalb hat sich für die einzelnen JournalistInnen auch in guten Geschäftsjahren wenig verbessert, während das Unternehmen gewachsen ist. Wir wollen nicht länger warten.
Vom Gebaren und der Argumentation des VÖZ als Unternehmer-Interessenvertretung bei den Verhandlungen des neuen KV fühlen wir uns vor den Kopf gestoßen. Die geschäftlichen Entscheidungen der Vergangenheit und die Vertragssituation unserer Print-KollegInnen dürfen unserer Gleichbehandlung nicht länger im Weg stehen. Sie sind nicht unser Versäumnis und sollten daher nicht unser Problem sein.

Enorme Lohngefälle zwischen KollegInnen – von Angestellten nach Journalisten-KV in der Print- bis zu freien DienstnehmerInnen in der Online-Redaktion – vergiften das Betriebsklima und verunmöglichen eine befruchtende Zusammenarbeit zwischen Print und Online. Insbesondere im Hinblick auf die kommende räumliche Zusammenführung der Redaktionen ist der Status quo der Ungleichbehandlung nicht aufrechtzuerhalten.

Mit diesem Brief protestieren wir in aller Deutlichkeit gegen diese Ungleichbehandlung. Wir wenden uns damit an Sie persönlich, weil wir Sie als Eigentümer aufgrund Ihres Lebenswerks als Verbündeten im Bemühen um würdig entlohnten Qualitätsjournalismus sehen, der Probleme in diesem Bereich mit uns beheben möchte.

Tag für Tag investieren wir unsere Ideen und unser Können in dieses erfolgreiche Medium, das uns am Herzen liegt. Wir entwickeln die journalistische und ökonomische Zukunft des Unternehmens. Es ist an der Zeit, dass sich nun auch unsere Situation verbessert. Wir wissen, dass jedes Jahr im Herbst Budgetverhandlungen in der STANDARD Medien AG stattfinden. Aus diesem Grund wenden wir uns gerade jetzt an Sie. Wir Online-RedakteurInnen verdienen bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlohnung.

Bitte nehmen Sie unser Anliegen ernst. Setzen Sie sich dafür ein, dass rasche Verbesserungen – Anstellungen, Gehaltserhöhungen und allgemein ein Umgang auf Augenhöhe – auch unabhängig von Verhandlungen über den Kollektivvertrag umgesetzt werden. Sorgen Sie für die längst fällige Besserstellung der Online-RedakteurInnen Ihres Hauses in finanzieller, sozialer und rechtlicher Hinsicht!

Mit freundlichen Grüßen,
die Journalistinnen und Journalisten von derStandard.at

Bronner reagiert mit schweren Geschützen gegen die Gewerkschaft

Standard“-Herausgeber Oscar Bronner signalisiert den Online-Journalisten seines Verlagshauses Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft. „Ihren Unmut kann ich verstehen. Selbstverständlich trete auch ich für faire Gehaltssysteme ein“, schrieb Bronner am Mittwoch an die standard.at-Redakteure. Zugleich verwies er aber auf die begrenzten finanziellen Möglichkeiten.

„Ich bin Ihr Verbündeter im Bemühen um würdig entlohnten Qualitätsjournalismus, und ich möchte die Probleme in diesem Bereich gemeinsam mit Ihnen beheben. Ich muss dabei allerdings auch auf die Leistbarkeit achten. Auf Basis des Zeitungs-KV wäre ein Online-Startup gar nicht möglich gewesen.“ Den Grundsatz vom gleichen Lohn für gleiche Arbeit erfülle derzeit keiner der österreichischen Kollektivverträge, weil diese immer jüngere Mitarbeiter benachteiligten. „Manche Kollektivverträge führen in einer Branche geradezu zu einer Umverteilung von unten nach oben. Dazu zählt leider der Tageszeitungs-KV“, so Bronner.

Der „Standard“-Herausgeber tritt deshalb auch für eine Änderung der ungleichen kollektivvertraglichen Situation zwischen Print und Online ein. „Daher habe ich es begrüßt, als die Verhandlungen für einen gemeinsamen Kollektivvertrag für alle Journalisten begannen, wobei eine Grundbedingung die Bereitschaft zum Verzicht auf unfinanzierbar gewordene Privilegien war. Es kann in niemandes Interesse sein, dass ein Kollektivvertrag, der die Existenz der Printmedien gefährdet, in Zukunft auch Online gefährdet.“

Dass die Verhandlungen über einen neuen Journalisten-KV zwischen Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und Journalistengewerkschaft nun schon über drei Jahre dauern, empfinde er als unakzeptabel. Ebenso dass die Gewerkschaft bereits abgehakte Punkte wieder in Frage stellte. „Es entstand der Eindruck, dass die Gewerkschaft als Vertreter der Besitzstandswahrer die Verhandlungen nur so lang wie möglich hinausziehen wollten.“ Auch auf Kosten der Online-Journalisten, so die Kritik Bronners.

Er habe daher im VÖZ für eine Kündigung des Journalisten-KV gestimmt – „in der Hoffnung, dass wir auf diese Weise schneller zu einem Ergebnis kommen“. Der neue KV sei weitgehend ausverhandelt, „die offenen Punkte könnten bei gutem Willen in wenigen Tagen erledigt sein“.

Was die budgetären Möglichkeiten ohne Abschluss eines neuen KV betrifft, werde man beim „Standard“ im Budget entsprechende Vorsorgen treffen, so Bronner. „Dazu gibt es auch schon konkrete Gespräche mit Geschäftsführung und Betriebsrat.“ Bronner erinnerte seine Mitarbeiter auch daran, dass es heuer in der Online-Redaktion bereits zehn zusätzliche Anstellungen gegeben habe. „Ich glaube nicht, dass ein anderes Medium hier vergleichbare Zahlen aufweisen kann.“

Unterstützung aus mehreren Redaktionen:

Bei der Journalisten-Gewerkschaft, kurier.at, DiePresse.com, kleine.at, den Freien in ORF und „Wiener Zeitung“ wurde reagiert – und es wurden Unterstüzungserklärungen an die Kollegen übermittelt:

***

Journalistengewerkschaft unterstützt Forderungen von Standard Online

Die Journalistengewerkschaft unterstützt vollinhaltlich die Forderungen von Standard Online nach Gleichbehandlung mit der Print-Redaktion.
„Wir haben bei der letzten Kollektivvertragsreform im Jahr 1999 auf Gehaltsteile verzichtet, damit die Onlineredaktionen in den Kollektivvertrag genommen werden. Die Unternehmer haben dies nie eingehalten und die Beschäftigten der Onlineredaktionen um die ihnen zustehenden Verträge betrogen“. so Franz C. Bauer, Vorsitzender der Journalistengewerkschaft in der GPA-djp. Es wäre für die Verlage nicht das geringste Problem, gewesen, den Vertrag damals einzuhalten, das habe man aber offenbar nie ernsthaft vorgehabt. „Das Geschrei der Unternehmer wegen angeblich zu hoher Löhne ist ein scheinheiliger Versuch, von diesem Betrug abzulenken, an dem die Kolleginnen und Kollegen bis heute leiden, und überdies der Versuch, die jüngeren gegen die Älteren Kolleginnen und Kollegen gegeneinander aufzuhetzen du den Abschluss eines fairen Kollektivvertrages zu torpedieren“, so Bauer weiter. Bei den durch die Unternehmer unterbrochenen Kollektivvertragsverhandlungen gehe es also unter anderem darum, dass sich die Unternehmer die gleiche Zusage – nämlich die völlig logische und selbstverständliche Aufnahme der Onlineredaktionen, aber auch der ausgegliederten Redaktionsteile und der illegal beschäftigten Freien – ein zweites Mal bezahlen lassen wollen, und zwar zu einem weitaus höheren Preis, den sie durch das Damoklesschwert der Vertragskündigung weiter erhöhen wollen. Die Gewerkschaft bekenne sich nach wie vor zu fairen Verhandlungen über einen fairen Kollektivvertrag der auch Onlineredaktionen, Freie und Ausgliederungen wieder auf den Boden gesicherter und rechtlich haltbarer Verträge zurück führt.

***

Solidaritätserklärung der Kleinen Zeitung Digital

„Liebe KollegInnen von derStandard.at!

wir als Digital-Redaktion der Kleinen Zeitung erklären uns vollinhaltlich solidarisch mit allen genannten Punkten in dem offenen Brief an Herausgeber Oscar Bronner.

Auch bei uns gibt es eine Mehrklassengesellschaft mit verschiedenen Kollektivverträgen und zahlreichen freien Mitarbeitern, die die gleiche Arbeit wie ihre Kollegen leisten und unverzichtbare Mitglieder der Redaktion sind.
Eine moderne Demokratie braucht fair bezahlten Journalismus – im Internet genauso wie im Printbereich.
Daher fordern auch wir: Gleiche Rechte für gleiche Arbeit.

Liebe Grüße nach Wien,

Die Redaktion der Kleinen Zeitung DIGITAL“

***
Auch aus der Redaktion von KURIER.at kommen Unterstützungserklärungen. Der Betriebsrat der Onlineausgabe einer der größten österreichischen Tageszeitungen erklärt sich mit den Kollegen von Standard.at solidarisch – die Probleme sind fast ident, gleiche Arbeit muss gleich bezahlt werden, die Zweiklassengesellschaft in den Redaktionen in Österreich aufhören.

***

Liebe der/die/dastandard.at-KollegInnen,
Euer Brief an Standard-Herausgeber Oscar Bronner, sowie die Solidaritätserklärungen von presse.com, kurier.at, der *mediengruppe*online* und der Wiener Zeitung, führen deutlich vor Augen, dass arbeitsrechtlich äußerst fragwürdige Dienstverhältnisse und Unterbezahlung Teil des österreichischen Mediensystems sind und selbst so genannte Qualitätsmedien nicht davor zurück schrecken, JournalistInnen prekär zu beschäftigen.
Angesichts der von Euch geschilderten Beschäftigungsbedingungen ist es nur verständlich, dass Ihr “bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Entlohnung” fordert.
Wir, die Freien MitarbeiterInnen des ORF, sind der Meinung, dass eine Demokratie Print-, Online-, Rundfunk- und Agentur-JournalistInnen braucht, die gerecht entlohnt und arbeitsrechtlich korrekt beschäftigt werden.
Solidarität!

Die Freien MitarbeiterInnen des ORF

***

Liebe Kollegen,

Der Brief der Kollegen von „derStandard.at“ wurde in der Redaktion von DiePresse.com mit großem Interesse aufgenommen. Auch in der seit 1848 erscheinenden Tageszeitung „Die Presse“, die im Besitz der Styria steht, gibt es eine Mehrklassengesellschaft mit verschiedenen Kollektivverträgen, was nicht dem Grundsatz „gleiche Rechte für gleiche Arbeit“ entspricht.

Eine Demokratie braucht Qualitätsmedien, eine moderne Demokratie braucht Online- und Print-Journalisten, die von ihrer Arbeit auch leben können und ausreichend bezahlt werden, um unabhängig berichten zu können. Wir unterstützen daher den Brief der den Online-Journalisten von „derStandard.at“ vollinhaltlich.

Grüße aus der Hainburger Straße

http://diepresse.com/home/kultur/medien/1305053

***

Wiener Zeitung-„Freie Dienstnehmer“ erklären sich solidarisch mit „derStandard.at“

Auch in der ältesten noch erscheinenden Tageszeitung der Welt, der „Wiener Zeitung“, sie sich im 100-prozentigen Eigentum der Republik Österreich befindet, wird gleichwertige Arbeit ungleich behandelt. Hier gibt es vor allem eine Ungleichbehandlung zwischen „Angestellten“ und nicht angestellten Mitarbeitern, die die gleiche Arbeit machen, denen aber die gleichen Rechte verwehrt werden.

Eine Demokratie braucht Qualitätsmedien, eine moderne Demokratie braucht Online- und Print-Journalisten, die von ihrer Arbeit auch leben können und ausreichend bezahlt werden, um unabhängig berichten zu können. Wir erklären uns daher solidarisch mit den Online-Journalisten des „derStandard.at“

***

Natürlich erklärt sich auch die Mediengruppe Online vollinhaltlich solidarisch mit den Kollegen bei derStandard.at: In allen Online-Redaktionen Österreichs werden falsche Kollektivverträge angewendet, der VÖZ reagiert auf Hinweise darauf mit durchschaubaren Halbwahrheiten wie Oscar Bronner (siehe oben), das lassen wir uns nicht mehr bieten, denn es muss den Grundsatz in der Medienlandschaft geben: Gleiche Rechte für gleiche Arbeit!

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Der Präsident mit dem „Online First“-Schild Vorläufige Einigung: KV-Kündigung wird zurückgezogen, Gespräche gehen weiter

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